Medikamentöse Therapie bei Adipositas

Adipositas ist eine chronische Stoffwechselerkrankung und weit mehr als eine Frage von Ernährung, Bewegung oder Willenskraft. Bei vielen Betroffenen sind Hunger, Sättigung, Energieverbrauch und Stoffwechselregulation biologisch verändert. Genau hier setzt die moderne medikamentöse Adipositastherapie an.

Ziel der Behandlung ist nicht nur eine Gewichtsreduktion, sondern vor allem die Verbesserung der metabolischen Gesundheit, der Lebensqualität und adipositasassoziierter Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe oder Fettleber.

Die medikamentöse Therapie ist dabei immer Teil eines multimodalen Behandlungskonzeptes. Sie ergänzt Ernährungstherapie, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie und sollte ausschließlich unter spezialisierter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

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Aktuell wichtige zugelassene Medikamente

Semaglutid ist ein GLP-1-Rezeptoragonist. Es imitiert ein körpereigenes Darmhormon, das Sättigung verstärkt, Hunger reduziert, die Magenentleerung verlangsamt und die Blutzuckerregulation verbessert. In klinischen Studien zeigte Semaglutid eine relevante Gewichtsreduktion und wird in der EU zur Gewichtskontrolle bei Adipositas oder Übergewicht mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen eingesetzt.

Tirzepatid wirkt als dualer GIP- und GLP-1-Rezeptoragonist. Dadurch werden mehrere hormonelle Signalwege gleichzeitig beeinflusst, die Hunger, Sättigung und Stoffwechsel regulieren. Tirzepatid ist in der EU ebenfalls zur Gewichtskontrolle als Ergänzung zu kalorienreduzierter Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität zugelassen.

Liraglutid ist ebenfalls ein GLP-1-Rezeptoragonist, wird jedoch täglich injiziert. Es war eines der ersten modernen Inkretin-basierten Medikamente zur Adipositastherapie und hat den Weg für die heutigen Therapien mit Semaglutid und Tirzepatid bereitet.

Naltrexon/Bupropion wirkt zentral im Gehirn auf Hunger, Appetit und Belohnungssysteme. Es kann bei Erwachsenen mit Adipositas oder Übergewicht und Begleiterkrankungen zusätzlich zu Ernährung und Bewegung eingesetzt werden.

Orlistat hemmt die Fettaufnahme im Darm. Dadurch wird ein Teil des aufgenommenen Nahrungsfetts nicht resorbiert. Die Wirkung ist rein gastrointestinal und unterscheidet sich deutlich von den hormonellen Therapien.

Moderne medikamentöse Therapie der Adipositas

Die Behandlung der Adipositas hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Heute stehen erstmals Medikamente zur Verfügung, die gezielt in die hormonelle Regulation von Hunger, Sättigung und Stoffwechsel eingreifen. Besonders bedeutsam sind dabei Semaglutid und Tirzepatid [1–5].

Semaglutid

Semaglutid ist ein GLP-1-Rezeptoragonist. Es imitiert das körpereigene Darmhormon GLP-1 und wirkt auf zentrale Mechanismen der Hunger- und Sättigungsregulation. Dadurch wird das Sättigungsgefühl verstärkt, der Appetit reduziert und die Magenentleerung verlangsamt. Zusätzlich verbessert sich die Blutzuckerregulation [1].

In der STEP-1-Studie zeigte Semaglutid 2,4 mg einmal wöchentlich bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von etwa 15 % des Ausgangsgewichts über 68 Wochen [1].

Neben der Gewichtsabnahme konnten deutliche Verbesserungen metabolischer Risikofaktoren wie Blutdruck, Bauchumfang, HbA1c und Entzündungsmarker beobachtet werden [1,2]. Darüber hinaus zeigte die SELECT-Studie positive Effekte auf kardiovaskuläre Ereignisse bei Menschen mit Adipositas und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung [2].

Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt. Dazu gehören insbesondere Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Verstopfung und Völlegefühl. Die Beschwerden treten häufig zu Beginn der Therapie oder während der Dosiserhöhung auf und sind meist mild bis moderat ausgeprägt [1,3].

Tirzepatid

Tirzepatid ist ein dualer GIP- und GLP-1-Rezeptoragonist. Im Gegensatz zu Semaglutid aktiviert Tirzepatid gleichzeitig zwei hormonelle Signalwege, die Appetit, Sättigung und Stoffwechsel beeinflussen [4].

In der SURMOUNT-1-Studie erreichten Patientinnen und Patienten mit Adipositas oder Übergewicht unter Tirzepatid nach 72 Wochen durchschnittliche Gewichtsreduktionen von bis zu über 20 % des Ausgangsgewichts [4].

Zusätzlich zeigten sich Verbesserungen von HbA1c, Blutdruck, Lipidprofil und weiteren metabolischen Parametern [4]. Damit gehört Tirzepatid aktuell zu den wirksamsten zugelassenen konservativen Therapieoptionen in der Adipositasbehandlung.

Auch bei Tirzepatid betreffen die häufigsten Nebenwirkungen vor allem den Gastrointestinaltrakt. Dazu zählen Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Verstopfung. Eine langsame Dosiseskalation und engmaschige ärztliche Begleitung sind deshalb essenziell [5].

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Medikamente der nächsten Generation

Die Entwicklung neuer Adipositasmedikamente schreitet aktuell sehr dynamisch voran. Besonders vielversprechend ist Retatrutid, ein sogenannter Triple-Agonist, der gleichzeitig an GLP-1-, GIP- und Glucagon-Rezeptoren wirkt [6].

In einer Phase-2-Studie zeigte Retatrutid eine ausgeprägte und dosisabhängige Gewichtsreduktion über 48 Wochen [6]. Der Wirkstoff befindet sich derzeit noch in klinischer Entwicklung, gilt jedoch als einer der vielversprechendsten Kandidaten der nächsten Generation der Adipositastherapie.

Weitere innovative Wirkstoffe wie CagriSema oder Survodutid verfolgen ebenfalls multimodale hormonelle Therapieansätze und könnten die konservative Behandlung der Adipositas in Zukunft weiter verändern.

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Mögliche Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen der modernen GLP-1- und GIP/GLP-1-basierten Therapien betreffen den Magen-Darm-Trakt. Dazu gehören Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfung, Erbrechen oder Bauchbeschwerden. Diese Beschwerden treten häufig zu Beginn der Therapie oder während der Dosiserhöhung auf und können sich im Verlauf bessern.

Bei Naltrexon/Bupropion können unter anderem Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Mundtrockenheit oder Blutdruckanstieg auftreten. Orlistat kann fettige Stühle, Blähungen, Durchfall und eine verminderte Aufnahme fettlöslicher Vitamine verursachen.

Deshalb ist eine ärztlich begleitete Therapie entscheidend. Dosierung, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und mögliche Wechselwirkungen müssen regelmäßig überprüft werden

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Medikamente in der Forschung

Die Entwicklung neuer Adipositasmedikamente schreitet sehr schnell voran. Besonders vielversprechend sind Wirkstoffe, die mehrere hormonelle Signalwege gleichzeitig ansprechen.

Retatrutid ist ein sogenannter Triple-Agonist und wirkt auf GLP-1-, GIP- und Glucagon-Rezeptoren. In einer Phase-2-Studie zeigte Retatrutid eine deutliche, dosisabhängige Gewichtsreduktion über 48 Wochen. Der Wirkstoff ist aktuell noch nicht zugelassen, gilt aber als einer der vielversprechendsten Kandidaten der nächsten Generation.

Survodutid ist ein dualer GLP-1- und Glucagon-Rezeptoragonist. Dieser Ansatz könnte neben der Appetitregulation auch den Energieverbrauch und die Leberstoffwechselgesundheit beeinflussen. Studien untersuchen derzeit die Wirkung bei Adipositas und metabolischen Lebererkrankungen.

CagriSema kombiniert Semaglutid mit Cagrilintid, einem Amylin-Analogon. Ziel ist eine stärkere Beeinflussung von Hunger, Sättigung und Gewichtsregulation durch zwei ergänzende hormonelle Mechanismen.

Unser Ansatz

Wir verstehen Adipositas als chronische Erkrankung, die langfristig, individuell und medizinisch begleitet behandelt werden sollte. Die moderne medikamentöse Therapie eröffnet neue Chancen – nicht nur zur Gewichtsreduktion, sondern zur nachhaltigen Verbesserung von Stoffwechsel, Gesundheit und Lebensqualität.

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Literaturverzeichnis

  1. Wilding JPH, Batterham RL, Calanna S, et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity. N Engl J Med. 2021;384(11):989–1002. doi:10.1056/NEJMoa2032183
  2. Lincoff AM, Brown-Frandsen K, Colhoun HM, et al. Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes. N Engl J Med. 2023. doi:10.1056/NEJMoa2307563
  3. European Medicines Agency. Wegovy® (Semaglutide) – Product Information. European Medicines Agency; 2024. Verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/wegovy
  4. Jastreboff AM, Aronne LJ, Ahmad NN, et al. Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity. N Engl J Med. 2022;387(3):205–216. doi:10.1056/NEJMoa2206038
  5. European Medicines Agency. Mounjaro® (Tirzepatide) – Product Information. European Medicines Agency; 2024. Verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/mounjaro
  6. Jastreboff AM, Kaplan LM, Frías JP, et al. Triple–Hormone-Receptor Agonist Retatrutide for Obesity. N Engl J Med. 2023;389:514–526. doi:10.1056/NEJMoa2301972